Die Aktienmärkte sind nach wie vor satt und seit einem Jahrzehnt auf Erfolgskurs, und das, obwohl die gelisteten Unternehmen noch nie zuvor höher verschuldet waren. Doch die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosenzahlen sind niedrig und das Wachstum zwar nicht berauschend aber vorhanden. Die Zinsen sind tief. Geld ist reichlich vorhanden und fließt bereitwillig in beinahe jede Finanzierungsanfrage. Fremdfinanzierungen laufen quasi von selbst, und auch jenen, die gerade kein fremdes Geld brauchen, wird es aufgedrängt. Der Schuldscheinmarkt brummt, der Appetit der Investoren ist schier grenzenlos, und gekauft wird selbst das, was – wie Deutsche Bundesanleihen – sogar nur negative Renditen bietet. Nur hinaus mit der Kohle, was kostet die Welt?

Achten wir auf die falschen Signale?

Wir wiegen uns in Sicherheit. Denn geht es nach althergebrachten volkswirtschaftlichen Theorien, so ist die Lage absolut stabil. Die Verbraucherpreise steigen kaum, also nur geringe Inflation und damit kaum eine Teuerungsrate für unseren typischen Konsumentenwarenkorb. Der industrielle Output ist stabil. Die Arbeitslosenzahlen sind auf vergleichsweise niedrigem Niveau, die Menschen haben also Arbeit. Die Zentralbank hält den Referenzzins so tief, dass wir uns gar nicht mehr daran erinnern können, jemals auf unser Girokonto-Guthaben Zinsen erhalten zu haben. Doch achten wir vielleicht auf die falschen Indikatoren und Signale? Sind Verbraucherpreise, Industrie und Zentralbank-Zins überhaupt noch relevant in unserer heutigen Welt? Schließlich hat sich über die vergangenen Jahrzehnte revolutionär viel verändert, und alte Volkswirtschaftstheorien könnten möglicherweise heute nicht (mehr) greifen.

Inflation von heute ist nicht mehr Inflation von gestern

Volkswirte und mit ihnen Politiker und Zentralbanker kreisen schon immer wie besessen um das Thema Inflation. Ihr absoluter Fokus liegt auf der Verbraucherpreisinflation. Schließlich, so die allgemeine Theorie, können Angebots- oder Nachfrageschocks Güter quasi über Nacht teurer machen und damit das Geld entwerten. Geldentwertung – die auch durch das Drucken von Geld durch die Zentralbank oder früher den König oder Kaiser hervorgerufen werden kann – führt, bleibt sie ungebremst, auf direktem Weg in eine wirtschaftliche Krise. Entsprechend muss der Kaufkraftverlust des Geldes kontrolliert und sorgfältig gelenkt werden, sowohl mit geldpolitischen als auch wirtschaftspolitischen Maßnahmen. So weit so gut. Doch unsere Welt hat sich verändert. Durch neue Technologien haben sowohl Produzenten als auch Konsumenten viel mehr Möglichkeiten, Angebots- und Nachfrageschocks zu vermeiden. Der Produzent von heute fertigt nicht mehr auf Halde, sondern Just-in-Time sobald ein Auftrag kommt. Sowieso ist die Industrieproduktion nicht mehr so wichtig, viel wertvoller und wertschaffender sind Dienstleistungen und virtuelle Produkte, für die es gar keinen Produktionsprozess braucht. Ich als Konsument hingegen kann Preise transparent vergleichen, und mir liegt sozusagen die Welt zu Füßen. Ob ich mein neues Smartphone über den lokalen Mediamarkt, Amazon oder direkt in China über Gearbest und Aliexpress bestelle, online bequem von der Couch und selbst aus dem fernen China in nur vier Tagen für geringe Versandkosten geliefert, ist für mich einerlei. Die Bezahlung erfolgt sowieso ganz einfach über PayPal oder ApplePay, und Transaktionskosten sind kein Thema mehr. Diese neue Art der Konkurrenz nimmt Preiserhöhungen für Konsumartikel den Wind aus den Segeln. Hinzu kommt ein steter, technologischer Fortschritt, der das Leben der Konsumenten durch günstigere Produktionskosten zumindest nicht teurer macht. Und in der westlichen Welt kommt noch ein Phänomen hinzu: Die Sättigung. Am besten zu sehen bei der leidigen Frage: “Was wünscht sie/er sich zum Geburtstag?”, worauf wir häufig die noch leidigere Antwort hören: “Ich weiß es nicht. Sie/Er hat schon alles.” Inflation von heute ist nicht mehr die Inflation von gestern. Die Welt funktioniert heute effizienter.

Immoblase, Aktienblase, Bondblase?

Die Zentralbanken dieser Welt hören nicht auf, Geld zu erschaffen und in das Finanzsystem zu pumpen. Da das viele, neue Geld weder für höhere Konsumausgaben verwendet wird, noch großartig in Investitionen neuer Anlagen durch Produzenten fließt, muss es irgendwo anders hin. Das viele, viele Geld wird über niedrige Zinsen so billig gemacht, dass es jedem, der auch nur irgendwie Schulden machen kann, nur so aufgedrängt wird. Unternehmen, Immobilienentwickler, Kommunen, Staaten, alle sind heute höher verschuldet denn je. Es werden Aktien gekauft und Anleihen, auch wenn letztere oft kaum noch Rendite hergeben oder sogar Verluste bringen. Die Zinsswap-Sätze sind aktuell bis 15 Jahre negativ! Immobilienpreise haben sich in nur wenigen Jahren vervielfacht! Das Haus, in dem meine Familie und ich wohnen, könnten wir uns heute mit Sicherheit nicht mehr leisten. Und jene, die heute noch Immobilien kaufen, tun das meist mit sehr, sehr großen Krediten, deren Zinslast aktuell – EZB sei Dank – minimal und damit leistbar ist. Erinnert das an etwas?

Finanzkrise heißt das neue Risiko

Die Verschuldung ist hoch. Unternehmen, Kommunen und Privatpersonen sind hoch gehebelt. Die nächste Krise wird auch diesmal wieder aus dem Kapital- und Finanzmarkt kommen, und nicht aus der Industrieproduktion. Der Risikoappetit unter Investoren ist hoch. Renditen müssen oder wollen erzielt werden, und private und institutionelle Investoren gehen immer höhere Risiken ein. Leveraged Loan Markt und Schuldscheindarlehen boomen, und selbst auf Papiere mit schlechter Bonität werden kaum Zinsen gezahlt. Doch mit geliehenem Geld, das man nicht selbst hart verdient hat, gehen viele dann doch nicht immer ganz so sorgfältig und gewissenhaft um. Eine Schwemme fremden Geldes verleitet nicht selten zu gewissem Leichtsinn. Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, den Fokus auf zeitgemäßere Indikatoren zu legen. Und wie sagt schon ein altes Sprichwort: “Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis.” Es wäre nicht schlecht, weniger auf die Verbraucherpreise und stattdessen mehr auf Verschuldungsgrad, Bonität und Ausfallwahrscheinlichkeiten zu achten. Denn auch wenn wir nicht wissen wann, der nächste Abschwung kommt gewiss. Was hoch steigt kann auch tief fallen.