Zinsen sind der Preis von Geld. In einer Welt, in der es Geld im Überfluss gibt, ist der reale Preis von Geld (Zinssatz minus Inflation) gering. Und in einer Welt mit geringer Verbraucherpreisinflation ist nicht nur der reale, sondern auch der nominale Zinssatz tief. Doch dramatisch negative Zinsen auf unsere Bankguthaben, sagen wir von minus 5% oder minus 10%? Wäre das denn überhaupt möglich?

Vor 15 Jahren waren selbst leicht negative Zinsen undenkbar

Hätte man den Europäern noch vor 15 Jahren gesagt, dass sie auf Sparbücher und Sichteinlagen in Zukunft dauerhaft keine nennenswerten Zinsen mehr bekommen werden, sie hätten uns für verrückt gehalten. Das Gleiche gilt für negative Fixzinsen bei Zinsswaps, negative Benchmark-Zinssätze, negative Staatsanleiherenditen und negative Zentralbank-Einlagensätze. An die Nullzinspolitik der EZB haben wir uns nach über einem Jahrzehnt gewöhnt, ebenso an leicht negative Einlagenzinsen bei der Zentralbank und an leicht negative Geld- und Kapitalmarktzinsen. Aber dramatisch negative Zinssätze weit weg von Null? Geht nicht? Vielleicht doch!

Bargeld als Floor von 0%?

In vielen Büchern, Artikeln und Theorien kommt dem Bargeld eine ganz entscheidende Rolle zu. Denn auf Bargeld gibt es keine negativen Zinsen. Hat jemand heute einen 100-Euro-Schein, so beträgt der Nominalbetrag dieses Scheins auch in einem Jahr noch immer 100 Euro. Würde die Bank von uns minus 10% an Zinsen verlangen, unser Geld also in einem Jahr um 10% entwerten, würden wir alle unser Geld in Bar abheben und in Form von Scheinen und Münzen aufbewahren. Der Grund, warum es im Interbankenmarkt und auf Geschäftskonten mit hohen Beständen trotzdem leicht negative Zinsen gibt, liegt schlicht in den Opportunitätskosten von Bargeld. Riesige Beträge von Bargeld aufzubewahren ist umständlich und ebenfalls mit Kosten verbunden. Um einige Milliarden in Scheinen zu lagern, benötigen Sie eine Halle, viele Arbeitskräfte, gute Sicherheitsvorkehrungen und eine teure Versicherung gegen Raub, Brand oder Wasserschäden. Das lohnt erst ab einer gewissen Schmerzgrenze negativer Zinsen. Doch das ist mit ein Grund, warum die negativen Zinsen, die wir heute sehen, alle nur relativ wenig unter Null sind.

Willkommen e-money!

Mittlerweile arbeiten so gut wie alle Zentralbanken der westlichen Welt an Projekten für virtuelles Zentralbankgeld. Sie behaupten alle, dass sie nicht die Absicht hätten, Bargeld abzuschaffen, sondern vielmehr für die zukünftigen Herausforderungen der modernen Zahlungswelt gerüstet sein wollen, wie erst kürzlich Yves Mersch sagte. Möglicherweise ist das aber nur die halbe Wahrheit. Spätestens seit einem Beitrag des Internationalen Währungsfonds aus Februar 2019 (“Cashing in: How to Make Negative Interest Rates Work”) ist klar, wie virtuelles Zentralbankgeld noch genutzt werden kann. Der Artikel beschreibt sehr anschaulich, wie ein Land dramatisch negative Zinssätze durchsetzen könnte, schlicht dadurch, dass es zwei unterschiedliche Währungen einführt. Einmal gibt es das virtuelle Geld, auf das der Leitzins deutlich im negativen Bereich festgesetzt wird, und dann das Bargeld. Zwischen den beiden gibt es einen Wechselkurs, der zufälligerweise genau dem negativen Zins des virtuellen Geldes entspricht. Das Bargeld würde dadurch ebenfalls an Wert verlieren, denn sobald man es auf ein Konto einzahlen, eine Überweisung durchführen oder damit in einem Geschäft bezahlen möchte, würde dieser Wechselkurs zum e-money schlagend werden. Zwei Währungen in einem Land, das mag auf den ersten Blick kompliziert wirken, doch durch die technischen Möglichkeiten, an denen derzeit gearbeitet wird, bestimmt nicht unmöglich. Bargeld kann also nicht mehr als absoluter Floor von Null gelten.

Geld soll dadurch in den Konsum fließen. Tut es aber nicht.

Die Argumente, die von Ökonomen und Zentralbankern stets vorgebracht werden, wenn sie von negativen Realzinsen träumen, ist, dass die Menschen ihr Geld dann nicht sparen sondern sich damit etwas kaufen werden. Das Geld wird in ihren Vorstellungen also in den Konsum fließen und dadurch Wachstum generieren. Was uns das vergangene Jahrzehnt gelehrt hat, ist allerdings etwas anderes. Das überschüssige Geld fließt nicht in Konsum. Es fließt in Assetklassen wie Aktien, Immobilien, Gold, Kunst und jede Menge spekulativer Assets und Projekte. Die Theorie mit dem Konsum vergisst nämlich eines: Die Ungleichverteilung von Geld und Vermögen. Diejenigen in der westlichen Gesellschaft, die Ersparnisse und Vermögen haben und sich zusätzlichen Konsum leisten könnten, haben schon alles was sie brauchen und mehr. Die anderen aber geben auch jetzt schon monatlich ihr gesamtes Einkommen aus, manchmal auch mehr. Die letztere Gruppe der finanziell benachteiligten Menschen kann nur mehr konsumieren wenn sie sich verschuldet. Es bleibt den die Vermögenden unter uns also keine andere Wahl, als ihr überschüssiges Geld in Dinge wie Immobilien zu stecken. Die Preis für Immobilien steigen weiter, die Mieten dadurch auch, Aktienkurse werden weiter steigen, selbst ohne gute Fundamentaldaten, wie seit 2008 auch. Nur die Schere der Vermögensverteilung, die wird sich noch weiter öffnen. Bleibt nur der Staat, der den Konsum ankurbeln könnte, doch das wiederum nur zum Preis einer höheren Staatsverschuldung. Doch auch das bringt wie wir sehen kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum.

Für verschuldete Staaten verlockend

Für jene mit Schulden sind negative Zinsen verlockend, und waren sie schon immer. Gerade hoch verschuldete Staaten werden von negativen Realzinsen schier magisch angelockt. Inflation erfüllt dabei grundsätzlich die gleiche Funktion, denn steigt sie über den Leitzins, sprechen wir von negativen realen Zinsen. Schulden werden nominal betrachtet geringer. Da die Verbraucherpreisinflation derzeit aber gering ist, muss die Zentralbank in Richtung Nullzinsen und in Zukunft sogar in den Bereich der negativen Leitzinsen tauchen. Der Effekt ist gleich: Vermögen wird umverteilt von den Sparern auf die Schuldner.

Auf Dauer funktioniert es nicht

Eine verlockende Sache. Allerdings hat die Sache wie immer einen Haken. Denn gäbe es dauerhaft negative reale Zinsen für Schuldner, könnte das System nicht funktionieren. Schließlich sind Zinsen der Preis für Geld, und jene, die Geld zu verleihen haben, werden ihre Zinsen entspechend erhöhen, um ihr Vermögen zu bewahren, oder es alternativ anderswo investieren, sei es im Ausland oder in Realwerten. Wäre dem nicht so, und lägen die Zinsen dauerhaft bei -10%, könnte jeder einen Kredit von 1.000.000 Euro aufnehmen, nach einem Jahr 900.000 zurück zahlen um den Kredit zu tilgen, und von den 100.000 Euro negativer Zinsen gut leben, ohne überhaupt einen Finger zu rühren. Dieses Schlaraffenland wird es leider nicht geben. Denn selbst bei negativen Leitzinsen werden Kreditgeber diese nicht an ihre Kreditnehmer weiter geben. Wer Geld möchte, muss dafür den Preis bezahlen. Die einzige Ausnahme werden die wenigen Anlagen sein, die als sicherer Hafen gelten, wie Staatsanleihen von Deutschland, der Schweiz, Japan oder den USA.

Negative Leitzinsen sind nicht das Allheilmittel

Es mag technisch bald ohne Schwierigkeiten möglich sein, und auch verlockend auf verschuldete Staaten wirken, doch negative Realzinsen sind nicht das Allheilmittel. Die Nebenwirkungen werden Spekulationsblasen, stärkere Ungleichgewichte in der Vermögensverteilung und Verwerfungen an den Finanz- und Kapitalmärkten sein. Wirtschaft und Gesellschaft allein über Zins- und Währungspolitik steuern zu wollen ist ein Irrweg. Dazu sind die Verflechtungen und Funktionsweisen des globalen, wirtschaftlichen Zusammenlebens zu komplex und verwoben. Ökonomen, Politiker und Zentralbanker sollten dringend über andere Wege nachdenken, um Potenziale zu nutzen, Risiken zu managen und Menschen zu motivieren.