Kleinanlegern werden Chinesische Bond Fonds empfohlen

Derzeit findet man immer wieder Werbeartikel und Beiträge, in denen chinesische Anleihen für europäische Kleinanleger beworben werden. Selbst namhafte Tageszeitungen wie letzthin die FAZ springen auf den Zug auf. Sie berichten von tollen Chancen, hohen Renditen und locken mit dem billigen, alten und überraschenderweise noch immer hoch wirksamen Verkaufsargument, dass genau jetzt die Zeit für den frühen Einstieg gekommen ist. “Kaufen Sie jetzt oder es könnte zu spät sein.”

Anleger werden mit einer hohen Rendite gelockt

Die Idee kommt bei Kleinanlegern gut an. Zinsen von 4% und mehr klingen verlockend. Schließlich stehen Anleger aktuell auch vor einem gewissen Dilemma. Die Aktienkurse sind bereits auf ein sehr hohes Niveau gelaufen, und möglicherweise ist der Zenit nun mehr oder weniger erreicht. Europäische Anleihen guter Qualität zahlen kaum Zinsen, und Unternehmensanleihen hatten vor allem in Deutschland in den vergangenen Jahren harte Zeiten mit vielen Ausfällen und mündeten in einem Zusammenbruch des Marktes für Mittelstandsanleihen.

Anleihen in Fremdwährungen haben zusätzliche Risiken

Einmal völlig abgesehen vom Spezialfall chinesischer Anleihen, ist ein Investment in einer Fremdwährung immer mit einem Wechselkursrisiko verbunden. Selbst Anleihen in Schweizer Franken oder U.S.-Dollar tragen ein Wechselkursrisiko, das die Rendite sehr schnell wieder aufzehren oder gar ins Negative kehren kann. Selbstverständlich kann sich der Wechselkurs auch zugunsten des Anlegers entwickeln.

Gerade beim chinesischen Yuan, dessen Entwicklung stark von weltpolitischen Entscheidungen abhängt, sollte das Fremdwährungsrisiko nicht unterschätzt werden.

Der Chinesische Anleihenmarkt steckt in einer Krise

Dabei ist die Schönfärberei gerade in Bezug auf den chinesischen Anleihenmarkt völlig fehl am Platz. Denn dieser steckt gerade in einer tiefen Krise. Im vergangenen Jahr sind sogar die Kurse der noch als relativ sicher geltenden Staatsanleihen gesunken. Die Ausfälle bei Unternehmensanleihen haben sich verdoppelt. Das Vertrauen der Anleger in den chinesischen Markt hat auch unter dem Downgrade durch Moody’s von A1 auf Aa3 gelitten. Moody’s nannte als Begründung unter anderem die enorm hohe Verschuldung von Kommunen und Unternehmen.

Betrug mit gefälschten Garantien

Als wäre der hohe Verschuldungsgrad noch nicht genug, hat der Markt für Anleihen auch ein Problem mit Betrug und gefälschten Garantien. Die Betrüger gehen sehr professionell vor. Sie fälschen Bankgarantien und Ausfallbürgschaften derart gekonnt, dass selbst erfahrene Investoren ihre Not haben, die falschen Siegel und Briefe zu identifizieren. In einigen bekannt gewordenen Fällen waren Anleger überzeugt, die von ihnen gehaltenen Anleihen würden von staatlichen Banken garantiert. Das Geld war danach trotzdem weg.

Vertrauenskrise führt zu Absatzschwierigkeiten

Das Vertrauen in den Anleihemarkt ist bei vielen chinesischen Kleinanlegern erschüttert. Das führt dazu, dass es vielen Unternehmen aktuell schwer fällt, ihre auslaufenden Bonds mit neuen Emissionen zu refinanzieren. Dadurch erhöht sich das Ausfallrisiko, und infolge dessen auch das Risiko für Betrug und unethisches Verhalten.

Andere Länder, andere Sitten

Gerade in Ländern, in denen die Gesetzeslage in Kapitalmarktthemen nicht stark ist, und Strafen für Kapitalmarktdelikte in der Regel milde ausfallen, ist die Versuchung groß, die ein oder andere Abkürzung zu nehmen. Das kann in Form von falschen Angaben in Verkaufsbroschüren sein, schwerem Betrug, Hinterziehen von Geldern bis hin zur Fälschung wichtiger Dokumente. Eine mangelnde Transparenz sowie lückenhafte Kontrollen führen zu Entwicklungen, die in die falsche Richtung laufen. Da wird die Ethik dem wirtschaftlichen Erfolg schnell mal hinten an gestellt. Der Zweck heiligt dann sozusagen die Mittel. Dabei sitzen betrügerische Unternehmen und geschäftstüchtige Broker nicht selten in einem Boot. Für den Investor ist das natürlich nicht hinnehmbar.

Der Leverage bei institutionellen Anlegern und Brokern ist hoch

Grundsätzlich ist in China geregelt, wie groß die Bestände an Anleihen bei institutionellen Anlegern und Brokern sein dürfen. Doch das lässt sich einigermaßen leicht umgehen. Bond Repos sind in China ein großes Geschäft. Mit dem wirtschaftlich gesehen nur geliehenen Geld werden weitere Anleihen gekauft. Der Leverage, also der Hebel, steigt, und mit ihm auch die möglichen Gewinne oder Verluste. Da sich viele ausländische Fondsanbieter chinesischer Broker und Partner bedienen, kann dieses Risiko sehr schnell überspringen.

China hat keinen freien Kapitalmarkt

Interessierte Investoren sollten sich zudem in Erinnerung rufen, dass China zwar einen sehr großen, aber keinen freien Kapitalmarkt hat. Der Zugang für ausländische Investoren ist nach wie vor stark begrenzt und streng reglementiert. Der Staat hat die Kontrolle, und das politische Risiko sollte nicht unterschätzt werden. Erinnern wir uns an den Kurssturz der chinesischen Aktien im Jahr 2015, der laut Bloomberg einen Wert von 5 Billionen U.S.D. vernichtet hat. Damals hatte der chinesische Staat großen Brokern verboten, ihre Bestände zu verkaufen.

Warum also bieten Fonds Privatanlegern chinesische Anleihen an?

Sie müssen sich differenzieren. Die Konkurrenz um Investorengelder ist groß. Mit noch einem weiteren Fonds oder ETF auf den MSCI World Index lässt sich wenig Aufsehen erregen. Gerade für kleinere Akteure ist es daher interessant, auf Nischen und Nischenprodukte zu setzen. Diese rechtfertigen auch höhere Gebühren und Kosten, da die Vergleichbarkeit meist nicht gegeben ist und die Konkurrenz noch klein ist. Diese höheren Erträge für das Management der Fonds brauchen vor allem kleinere Anbieter, deren Kostenstruktur und Vertriebsnetz nicht mit den Marktführern mithalten können.

Da hilft es schon mal, wenn der chinesische Staat plötzlich den Marktzugang für den ein oder anderen ausländischen Anbieter genehmigt. Dass dies gerade dann passiert, wenn der Anleihenmarkt in einer Vertrauenskrise steckt und Absatzschwächen zeigt, kann natürlich auch reiner Zufall sein.

Chinesische Anleihen sind derzeit noch etwas für Profis

China ist ein spannendes Land. Dynamisch, modern, mit einer rasanten Entwicklung und ungeheurer Innovationskraft. Die Menschen sind ausgesprochen fleißig, zielstrebig und offen für neue Technik und Entwicklungen. Wer durch große, chinesische Städte reist, ist beeindruckt von den schnellen Veränderungen und den technischen Errungenschaften. Dennoch darf das nicht darüber hinweg täuschen, dass der Kapitalmarkt nicht eins zu eins mit jenem in Europa oder den USA verglichen werden kann. Es gelten andere Spielregeln, sowohl vor als auch hinter den Kulissen. Das zu begreifen und zu durchschauen ist selbst für geübte Analysten des chinesischen Marktes eine Herausforderung. Die Risiken sind entsprechend hoch. Gerader der Anleihenmarkt mag deshalb in seiner heutigen Form besser für große, institutionelle Anleger als kleine Beimischung geeignet sein als für den europäischen Kleinanleger.