Die Inflation der Indices

Das Nachrichtenmagazin Bloomberg berichtete vor wenigen Tagen darüber, dass es in den U.S.A. mittlerweile mehr Indices als Einzelaktien gibt. Etwas über 4.000 an U.S.-Börsen gelisteten Aktien stehen weit über 5.000 verschiedene Indices gegenüber.

Früher eine Domäne von Börsen und Spezialisten

Tatsächlich ist es heute sehr einfach, einen Index zu erstellen. Früher war das anders. Da waren die Konzeption und die laufende Berechnung und Pflege von Indices die exklusive Domäne von Börsen, spezialisierten Anbietern wie Dow Jones, Reuters oder Bloomberg, sowie einiger großer Investmentbanken wie Morgan Stanley. Denn früher mussten viele Daten mühsam und händisch zusammen getragen werden und die Indexdaten mit einem nicht unwesentlichen, manuellen Aufwand verarbeitet und berechnet werden. Die Berechnung erfolgte dabei selten in Echtzeit (“real-time”), sondern häufig nur einmal täglich oder gar nur wöchentlich oder monatlich zu einem bestimmten Stichtag.

Lizenzgebühren als wichtige Einnahmequelle

Früher wurden in Abteilungen für Indexberechnung in der Regel mehrere Personen beschäftigt, die dafür sorgten, dass ein Index oder maximal eine handvoll Indices laufend berechnet wurden. Hinzu kamen nochmals einige Vertriebsleute, die Banken, Fondsmanagern und Zertifikateemittenten ihre Indices schmackhaft machen sollten. Denn jeder, der ein Produkt auf den Index begeben wollte, musste dafür eine gar nicht so geringe Lizenzgebühr bezahlen. Die Berechnung von Indices war für viele Börsen und Spezialanbieter ein gutes, einträgliches Lizenzgeschäft und keinesfalls nur Selbstzweck!

Früher gab es wenig Unterschiede

Da der Aufwand entsprechend hoch war und die Konkurrenz gering – letzteres vielleicht auch aufgrund damals noch fehlender Nachfrage – waren Indices meist einfach und transparent gestrickt. Noch vor ein oder zwei Jahrzehnten waren Indices in der Regel die Zusammenfassung von Wertpapieren aus einzelnen Ländern (RTX), von bestimmten Börsen (DAX, ATX) oder aus Regionen (MSCI-World). Der größte Unterschied lag in der Wahl zwischen Preisindex und Performanceindex, und ein klein wenig noch in der Gewichtung.

Im Preisindex wird rein der Aktienkurs herangezogen, was nach Dividendenzahlung bedeutet, dass der Index mit dem Preis sinkt, obwohl die Aktionäre in Summe nicht ärmer geworden sind. Sie haben ihr Geld nur etwas anders verteilt. Beim Performanceindex wird die ausgezahlte Dividende wieder mit in die Indexberechnung einbezogen, um die gesamte Wertschöpfung zu berücksichtigen. Da Dividenden vieler Unternehmen häufig in den selben Monaten bezahlt werden, kann es im Frühling gerne mal bei dem ein oder anderen Preisindex zu Rückgängen führen.

Die Gewichtung der Aktien in einem Index ist ebenfalls sehr wichtig, und nimmt Einfluss auf die Wertentwicklung des Index. In den meisten Aktienindices wird die Marktkapitalisierung herangezogen. Somit haben größere Unternehmen einen stärkeren Einfluss auf den Index, und eine starke Kursbewegung eines sogenannten Index Schwergewichts kann auch den Index entsprechend stark nach oben oder unten mitziehen.

Neue Technologien und die Nachfrage nach ETFs beflügeln den Indexmarkt

So war es zumindest früher. Wenige Anbieter, wenig Überraschungen, hohe Lizenzgebühren. Doch die Zeiten sind nicht stehen geblieben. Einerseits hat sich die verfügbare Technologie verändert. Rechenleistungen sind überproportional schneller und günstiger geworden, und auch neue Datenbanksysteme, die elektronische Verfügbarkeit von Informationen sowie neue, effizientere Programmiersprachen haben die laufende Berechnung und Aktualisierung eines Index sehr vereinfacht. Zweitens ist die Nachfrage nach Indexprodukten überproportional gestiegen. Wollte früher jeder einen gemischten Aktienfonds, sind es heute ETFs. Und waren es noch vor wenigen Jahren einfache ETFs auf die altbekannten Indices, so muss es heute doch zumindest ein wenig Smart-Beta und Strategic-Alpha im ETF Portfolio sein.

Indices sind wahre Alleskönner.

Einen neuen Index zu erschaffen, das ist heute eine ziemlich einfache Sache geworden. Die Regeln, die man für einen neuen Index festlegt, kann man je nach aktueller Marketing-Strategie frei wählen. Wie wäre es heute mit einem Index für dividendenstarke Aktien aus Deutschland, den Niederlanden und Dänemark? Oder doch lieber ein Index, der nur Aktien aus Unternehmen umfasst, die sich besonders ethisch verhalten? Weltweit? Oder doch lieber ein Kontinent, eine Region, ein bestimmtes Land? Ein Startup-Index, klar, das können die neuen Indexanbieter auch. Genau so wie einen neuen Index auf Smart-Beta oder Unternehmen, die für ein Strategic-Alpha geeignet erscheinen? Ein Index auf das individuelle Portfolio eines bekannten Fondsmanagers lässt sich dabei ebenso gestalten wie jede andere Idee.

Ein individueller Designer-Index gefällig? Kreativer geht immer!

Sie könnten noch heute einen Index kreieren aus Unternehmen, deren Logos die Farbe Blau enthalten. Jene Unternehmen, deren Vorstandvorsitzende auch noch eine blaue Krawatte zur Hauptversammlung tragen, werden extra stark gewichtet. Läuft das gut, legen wir als nächstes einen gleichen Index auf die Farbe Rot auf, gefolgt von Grün und vielleicht auch Schwarz. Sie denken das klingt nach einem ziemlich großen Unsinn? Mit Sicherheit! Aber sehen Sie sich doch einige der Indices genauer an, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen. Bei vielen ist tatsächlich nicht viel mehr dahinter als ein Marketing-Gag.

Heute kann jeder seinen eigenen Index erschaffen

Die Gründe, warum ein Hedgefonds, ein Assetmanager oder ein Zertifikateemittent kurzerhand seinen eigenen Index erschaffen will (oder sich einen Index von einem spezialisierten Anbieter konzipieren und betreuen lässt) liegen auf der Hand. Erstens erspart man sich die lästige Lizenzgebühr. Zweitens hat man Flexibilität in der Ausgestaltung und der Auswahl der Wertpapiere. Vor allem aber kann sich ein Anbieter so individuell von der Konkurrenz abheben. Was hilft es, wenn dem Anleger der dreitausendste ETF auf den Dow Jones Industrial Average angeboten wird? Dem Anleger wird von den vielen Namen der Anbieter ohnedies nur schwindlig, und am Ende wird er sich aller Voraussicht nach für einen der großen, bekannten Emittenten entscheiden.

Indices bringen Geld. Es zahlt der Investor.

Noch ein Argument spricht aus Anbieterseite für einen eigenen Index: Zusätzliche Einnahmen! Bei ETFs wird der Kampf um Marktanteile gerne über den Preis gespielt. Die laufenden Gebühren müssen so niedrig wie möglich sein, denn nur so lassen sich Investoren anlocken. Da hilft es durchaus, wenn der ETF für die Verwendung des Index noch Lizenzgebühren oder Indexgebühren abführt und diese ganz zufällig im eigenen Haus verbleiben. Geschenkt gibt es nichts im Leben, schon gar nicht im Finanzmarkt. Auch keine ETFs. Dem interessierten Anleger sei geraten, bei der Wahl seines ETFs auch auf die Kosten der zweiten Reihe zu achten und die Expense Ratio zu hinterfragen.