Liquiditätsrisiko ist eines der wichtigsten Risiken, die jeder Unternehmer stets im Auge haben sollte. Schließlich ist es häufig der Mangel an Liquidität, der Unternehmen in die Insolvenz und Bonds in Zahlungsverzug bringt.

Wenn das Geld für die Zinsen fehlt

Gerade bei jährlichen oder halbjährlichen Kuponterminen kommen auf Unternehmen, die Anleihen mit hohen Nominalbeträgen ausstehen haben, hohe Zahlungen zu. Können sie die Zahlungen nicht leisten, gerät der Bond in Zahlungsverzug. Das ist in der Regel ein Anzeichen für mangelnde Liquidität, bei Unternehmen meist aufgrund von rückläufigen oder säumigen Verkaufserlösen, und bei Staaten durch wegbrechende Steuereinnahmen und Währungsverfall. Im Fall eines Unternehmens muss dieses dann Insolvenz anmelden. Eine schlimme Sache sowohl für das Unternehmen als auch die Gläubiger.

Statt Zinsen kreative Ersatz-Leistungen

Besteht die konkrete Gefahr, dass Anleihen notleidend werden, sind sowohl der Schuldner als auch die Gläubiger daran interessiert, eine mögliche Lösung zu finden. Entweder es wird restrukturiert und zum Beispiel die Laufzeit gestreckt, die Kuponstruktur verändert oder auch Zahlungen durch den Verkauf neuer Anleihen finanziert. Etwas kuriose, andere Wege gehen derzeit einige Unternehmen in China. Anstatt der versprochenen Zinsen bieten sie ihren Investoren Sachleistungen an.

Schinken, Schweinefleisch und Flugtickets

Die chinesische Chuying Agro-Pastoral Group, eine vor allem auf die Produktion und den Handel mit frischem und gefrorenem Fleisch spezialisierte Unternehmensgruppe aus dem Agrarsektor, war kürzlich in Liquiditätsnot geraten. Als Grund wurde die afrikanische Schweinepest genannt, die unerwartete Umsatzrückgänge zur Folge hatte. Das Unternehmen hatte nicht mehr ausreichend Liquidität, um auf eine 500 Millionen Yuan große Anleihe Zinsen und Tilgung leisten zu können und blieb seine Zahlungen am 6.11.2018 zunächst schuldig.  Am 8. November 2018 einigte sich das Unternehmen mit Gläubigern von 271 Millionen Yuan der Schulden aber darauf, die Zinsen und Tilgungen auf die Bonds anstatt in Bargeld mit Schinken und Schweinefleischpaketen zu begleichen, schön verpackt und in Form von Premiumprodukten.

Eine Woche später, am 14.11.2018, geriet die Qianhai Air & Shipping Exchange, ein Teil des gigantischen HNA Imperiums, in Liquiditätsnot. Auch dieses Unternehmen konnte seine Investoren nicht rechtzeitig bezahlen. Stattdessen wurden den Investoren Fluggutscheine im Wert von je 5.000 Yuan angeboten.

Für institutionelle Investoren und Ausländer keine Option

Schinken und Flugtickets mögen eine kuriose Sache sein und für lokale, private Investoren zumindest besser als eine sofortige Unternehmenspleite. Für institutionelle sowie internationale Investoren sind Zahlungen in Form von Sachleistungen keine Option. Was soll ein deutscher Investor mit chinesischen Flugtickets oder hübsch verpackten Schinkenkeulen machen? Auf der anderen Seite ist eine Insolvenz ebensowenig schön. Schließlich kann es kompliziert und teuer werden, in einem fremden Land Gläubigeransprüche bei Gericht anzumelden und auch durchzusetzen. Dann vielleicht doch lieber den Speck und diesen dann auf Taobao, der chinesischen Version von Ebay, vertickern?

Payment-in-Kind in Form von Aktien und Optionen

Internationale und institutionelle Investoren haben aber auch noch andere Möglichkeiten, bei Restrukturierungen von Bond-Emissionen etwas für sie Verwertbares zu erhalten. Anstatt mit Waren werden Gläubiger mit weiteren Schuldtiteln (also noch mehr der nun notleidenden Anleihen), Anteilsscheinen (Aktien, Beteiligungen des in Not geratenen Unternehmens) oder Optionen auf diese (Aktienoptionen) vom Schuldner entschädigt. Manche Anleihen verfügen sogar über entsprechende Klauseln (“PIK-Bonds” oder Payment-in-Kind-Bonds, die Teil der Mezzanine Finance sind).

Allerdings löst das die eigentliche Problematik schlecht laufender Geschäfte nicht, denn durch die dadurch nochmals gestiegenen Schulden steigen die Zahlungsverpflichtungen in der Zukunft, und irgendwann muss jede Schuld getilgt oder refinanziert werden. Alleine kurzfristige, unerwartete Liquiditätssorgen könnten so behoben werden. Bei ansonsten guter Geschäftsaussichten wäre es dazu aber wohl kaum gekommen, schließlich wären dann Banken und Broker für einen kurzfristigen Überbrückungskredit eingesprungen. Und Aktien oder noch mehr Anleihen des ohnedies nicht so tollen Unternehmens, nun, es gibt Attraktiveres.

Liquiditätssorgen von Unternehmen sind nie schön, und das Ergebnis für Schuldner und Gläubiger in den meisten Fällen ein für beide bitterer Kompromiss.